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ROMAJI · KOMA NO MAI

Koma no Mai

„Tanz des Pferdes" — Daihachi Oguchi

駒の舞

„TANZ DES PFERDES"

ÜBERSETZUNG

Tanz des Pferdes

DAUER

ca. 4 min.

· SPIELZEIT

KOMPONIST

Daihachi Oguchi

· PERSON

ENSEMBLE

Akaishi Daiko

· URSPRUNG

IM REPERTOIRE SEIT

2013

Was ist Kagura?

Kagura (神楽) – wörtlich: „Unterhaltung der Götter“ – ist eine der ältesten Formen des japanischen Ritualtheaters. Es ist eine heilige Verbindung aus Tanz, Musik und Gebet, dargebracht um die Kami, die Götter des Shinto, willkommen zu heißen und zu erfreuen. Die mythischen Wurzeln des Kagura reichen bis in Japans älteste Überlieferungen zurück – in die Erzählung von der Sonnengöttin Amaterasu, die sich in eine Höhle zurückzog und damit Dunkelheit und Kälte über die Welt brachte. Die Göttin Ame-no-Uzume begann daraufhin einen wilden, ausgelassenen Tanz, der die anderen Götter zum Lachen brachte – bis Amaterasu neugierig aus der Höhle trat und das Licht in die Welt zurückkehrte. 

Kagura existiert in zwei großen Formen: Maikagura (舞神楽), bei dem die Tänzer ohne Maske und mit rituellen Gegenständen wie Glocken oder Schwertern tanzen, und Menkagura (面神楽), bei dem Masken getragen werden und mythologische Geschichten aufgeführt werden. Über Jahrhunderte entwickelten sich unzählige regionale Spielarten des Kagura, jede mit eigenem Charakter, eigenen Tänzen und eigenen Überlieferungen – ein lebendiges Mosaik der japanischen Volkskultur.

Kagura in Kawanehonchō

Kawanehonchō besitzt ein außergewöhnliches kulturelles Erbe, das sich in mehreren als nationales immaterielles Volkskulturerbe anerkannten Traditionen niederschlägt. Darunter das Umezu Kagura – eine über 500 Jahre alte shintoistische Zeremonie, die Musik und Tanz vereint und jedes Jahr am dritten Samstag im Januar zelebriert wird. Diese tiefe Verwurzelung in alten Riten macht die Region zu einem Ort, an dem das Kagura nicht als museales Relikt gepflegt, sondern als lebendige Gemeinschaftstradition gelebt wird.

Im Ortsteil Tashiro (田代) wird ein Kagura-Zyklus aufgeführt, der einen besonders seltenen und eindrucksvollen Teil enthält: den Pferde-Kagura-Tanz – einen Ausschnitt aus einem größeren Stück, das die Geschichte und den Geist der Gemeinschaft in sich trägt.

Ein Moment, der ein Lied wurde

Als Daihachi Oguchi – Taiko-Pionier und Gründer des modernen Kumidaiko – diesen Tanz in Tashiro erlebte, ließ ihn ein bestimmter Moment nicht mehr los.

Zu Beginn des Stückes betreten drei Tänzer mit Pferdekopf-Masken den Schrein. Sie werden geführt von einem Mann, der offensichtlich betrunken ist – oder es zumindest meisterhaft spielt. Taumelnd, lachend, mit den Zügeln kämpfend, zieht er die drei Pferde ins Heiligtum. Was dann folgt, ist kein chaotisches Treiben, sondern ein Tanz: Die drei Pferde bewegen sich im Rhythmus der Trommel und der Flöte, ihre Schritte mal zögernd, mal lebhaft, durchzogen von Würde und Spielfreude zugleich.

Dieses Bild – die drei tanzenden Pferde, der angeheiterte Führer, das Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Ausdruck – berührte Oguchi tief. Darin sah er nicht nur Folklore, sondern etwas Universelles: die Freude der Bewegung, die Lebendigkeit des Moments, den Humor als Teil des Heiligen.

駒の舞 – das Lied

Aus diesem Erlebnis heraus schrieb Daihachi Oguchi 駒の舞 eigens für Akaishi Daiko – als musikalisches Porträt jenes Augenblicks in Tashiro. Das Stück trägt den Rhythmus der Hufe in sich, das Wiegen und Tänzeln, die unerwarteten Richtungswechsel – und immer wieder jene besondere Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, die den Pferde-Kagura-Tanz so unverwechselbar macht.

Doch Koma no Mai blieb nicht nur in den Händen von Akaishi Daiko. Als Daihachi Oguchi die Ehre erhielt, die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele 1998 in Nagano musikalisch mitzugestalten, brachte er das Stück auf die größte Bühne der Welt: Dutzende Spielerinnen und Spieler führten Koma no Mai vor dem Publikum der ganzen Welt auf – ein Moment, in dem ein Tanz aus dem kleinen Schrein von Tashiro in Kawanehonchō plötzlich in jedem Wohnzimmer des Planeten zu sehen war.

Koma no Mai ist damit mehr als ein Taiko-Stück. Es ist ein Dankeschön an eine Gemeinschaft, die ihr Erbe lebt – und der Beweis, dass das Besondere, das in einem stillen Schrein in den Bergen Shizuokas entsteht, die Kraft hat, die ganze Welt zu berühren.

ab ca. Minute 29:00