„ほう ほう ほたる こい — あっちのみずは にがいぞ こっちのみずは あまいぞ“ „Ho, ho, Glühwürmchen, komm her — das Wasser dort drüben ist bitter, das Wasser hier ist süß“
Mit diesen einfachen, zarten Worten beginnt eines der bekanntesten und ältesten Kinderlieder Japans: „ほたるこい“ (Hotaru koi – „Komm, Glühwürmchen“). Wer es komponiert hat, ist bis heute unbekannt – Dichter und Komponist sind beide anonym geblieben. Die Melodie gilt als Warabeuta (わらべうた), ein traditionelles japanisches Kinderlied, das aus dem Nordosten des Landes stammt und mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Das Lied ist kein Kunstwerk eines einzelnen Menschen – es ist das Gemeinschaftswerk aller Kinder, die es je gesungen haben.
„Hotaru koi“ ist weit mehr als eine Melodie – es ist eine Einladung zu einer der zauberhaftesten Traditionen Japans: der Hotaru-gari (蛍狩り), dem sommerlichen Glühwürmchen-Schauen. Wenn in der frühen Abenddämmerung die ersten Glühwürmchen aufleuchten, versammeln sich Kinder und Familien an Bachläufen und Reisfeldern, um dem Naturschauspiel beizuwohnen. Die kleinen Lichter tanzen durch die warme Sommerluft wie schwebende Laternen – ein Moment, in dem die Grenze zwischen Menschenwelt und Natur verschwimmt.
In Japan sind es vor allem der Genji-Botaru (源氏蛍) und der Heike-Botaru (平家蛍), die beiden bekanntesten Glühwürmchenarten, deren Namen selbst Geschichte tragen – benannt nach den verfeindeten Clans der Heian-Zeit, den Genji und den Heike. Der sanfte Schein dieser kleinen Käfer hat die Menschen Japans seit Jahrhunderten fasziniert und inspiriert – Dichterinnen der Heian-Zeit sahen im Leuchten der Glühwürmchen bisweilen die Seele selbst, die den Körper verlässt.
Hotaru in Kawanehonchō
In den feuchten Flusstälern und an den klaren Bachläufen rund um Kawanehonchō sind Glühwürmchen noch heute ein vertrautes Bild der Sommernächte. Wo sauberes Wasser fließt und die Natur unberührt geblieben ist, gedeihen diese empfindlichen Tiere – ein stilles Zeichen dafür, dass die Region ihr natürliches Erbe bewahrt hat. Wer in den Wochen um den Frühsommer durch die Täler des Ōi-Flusses streift, wird in der Dämmerung immer wieder auf ihr sanftes Aufleuchten treffen.
Das Stück – zwei Welten in einer
蛍 nimmt diesen Geist auf und gestaltet ihn musikalisch in zwei klar unterschiedlichen Hälften.
Die erste Hälfte gehört der Shinobue (篠笛) – der schlanken japanischen Bambus-Querflöte, deren heller, klarer Ton wie aus einer anderen Welt klingt. Ihre Melodie trägt das alte Hotaru koi in sich: ruhig, meditativ, schwebend. Die Trommeln treten zurück, der Atem wird langsamer. Es ist das Bild der stillen Sommernacht – das erste Aufleuchten der Glühwürmchen über dem Wasser, die Wärme der Luft, das Rauschen des Flusses in der Ferne.
Dann, in der zweiten Hälfte, verwandelt sich die Stimmung. Was eben noch Stille war, wird Bewegung – die Trommeln setzen ein, der Rhythmus gewinnt an Kraft und Dichte. Das ruhige Beobachten weicht dem Erleben: Die Glühwürmchen tanzen, der Sommer ist in vollem Gang, und das Leben pulsiert in jedem Schlag. Zwei Seiten ein und derselben Nacht – und ein Lied, das beide in sich trägt.